Unendlichkeit

Ach, ich wollte dir den Aufstrich und den Mangold ja mitgeben, hatte dann aber ganz darauf vergessen. Als ich ihn schließlich zu Mittag mit Brot verkostete, befand ich das Geschmackserlebnis doch als lecker und zum Verschenken geeignet. Man möge sich den Aufstrich aber gerne noch nach Belieben nachsalzen oder würzen oder vielleicht auch noch mit etwas Sonnenblumenkernen verfeinern, um ihm dann noch eine ganz persönliche Note zu verpassen. 


Jedenfalls zückte da irgendetwas in mir, dass mich dazu veranlasste einen verträumten Bogen von Haustür zur Schauspielschule zu ziehen, um diese zwei Dinge von Kühlschrank zu Kühlschrank zu deponieren, von Hand zu Herz und von Herz zur Hand, denn Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Nun hielt also, diese in Liebe versunkene, Ausschau nach dem anderen verzücktem Geschöpf, der der sie am Morgen noch so feucht beglückte, der der ihr Herz verrückte, der der liebt und die Liebe nach außen trägt, die Liebe, das Glück und so viel Freundlichkeit, als bliebe all das hier für die Unendlichkeit. Aber, dass das hier trotz Endlichkeit auf ewig hält, das bezeugt ein schlichter Blick auf die Vergangenheit:

Denn das was ist, das wird einmal gewesen sein und ein gewesen sein, das war eben, es war eben ein war und somit eine Wahrheit der Wahrhaftigkeit und diese ist ganz nah dran am Sein einer Unendlichkeit. Weil jedes war, das wird, sobald es zu dem geworden ist was es ist, dies für immer sein. Und für immer, dass weiß man doch, das ist eine ganz schön lange Zeit. Eine Zeit, die sich in unseren Herzen verbeißt, so wie jeder Moment zergeht und in die Vergangenheit gerät. Ja, und deshalb ist es, dass all das Erlebte aufgenommen werden will, ja so dringen aufgenommen werden möchte, dass ich beinahe geschrieben hätte „aufgenommen werden muss“, mit allen Sinnen und dem ganzen Sein, um den Augenblicken in ihren Tiefen zu erlegen, um sich darin aufzulösen, um sich von diesem Genuss des Lebens so sehr aufnehmen zu lassen, damit sich seine Bilder, Geschmäcker und Gefühle; seine Berührungen, Gesten und Gerüche, mit Dankbarkeit und Wertschätzung, einprägen mögen in unser Innerstes. Auf dass es ein Teil sein wird von unserer Vergangenheit, welche unsereins doch stets leitet und führt, trägt und verpflegt. Sind wir denn nicht die Summe unserer Erfahrungen? Und sind diese Erfahrungen nicht Wahrhaftig, weil sie wahr waren? Und so wie sie es waren sind sie es doch immer noch. Sind sie daher nicht doch ein lebendiger Bestandteil unserer Gegenwart? 

Also alles was war, das war einmal ein Sein, ein Ist-Zustand, ein Bewusstsein im Hier und Jetzt, welcher doch nur aufgrund von allem was bereits gewesen ist dort sein kann wo er eben ist, in diesem Moment, der so allumfassenden wie vergänglich ist. Fasst dieser Gedanke dann nicht das Leben an sich in einen ewigen Kreislauf: vom Sein zu einem Gewesen-Sein, welches das Sein an sich wieder bestimmt? Ein Kreislauf der in sich selbst also doch unendlich ist. Und ist mit diesem Erreichen der Unendlichkeit nicht eben eins gewiss: dass das was ist, im Grunde ewig währt - immerhin innerhalb unserer eigenen Lebendigkeit. 


Nunja, und damit diese Lebendigkeiten eben viele Momente teilen, um in gemeinsamen Erinnerungen zu verweilen, so brachte dieses beseligte Geschöpf den Mangold und den Aufstrich von Haustür zum Küchentopf, Küchenschrank, ach Kühlschrank eigentlich, aber das reimte sich nicht. Jedenfalls hielt die Verliebte Ausschau nach dem Liebsten, erkundigte sich sogar bei den erhobenen Rängen nach seiner Örtlichkeit, doch waren selbst die ungewiss wo genau ihr Liebster ist. „Irgendwo im Hause, beim Vermessen und Abschätzen“, ja und da die Uhr schon zur späten Stunde schlug, so machte sich das frohmütige Wesen so stumm davon, als sei es nie da gewesen. So verpasste sie sogar den feucht-fröhlichen Kuss einer Mederflaus, aber immerhin erreichte ihr Aufstrichgruß dann sein zu Haus‘.



23.12.2022


Trotz elender Müdigkeit und Erschöpfung der letzten Stunden, Tage und Wochen pick ich hier fest und Schreibe, obwohl ich nun doch endlich die Möglichkeit hätte mich einfach umzudrehen und die Augen zu zu machen. Beziehungsweise könnte ich es immerhin versuchen zu schlafen, aber alles wuselt so in mir nach dir, wuselt weil ich dich so lieb hab, wuselt weil ich dich spüren mag, wuselt weil ich Sehnsucht hab, wuselt weil ich dieses Vermissen grad nur so irgendwie ertrag, wuselt weil es wuseln will, wuselt heimlich vor sich hin, wuselt stumm und stummer vor lauter Wuselkummer. Ja, es wuselt in der Wuselkammer ein echtes Liebesgejammer.


Das will sagen:

"Ich vermiss dich sehr."

Will sagen:

"Ich lieb dich so sehr."

Will sagen:

"Dinge, Dinge, Dinge"

Damit es sich um den Schlaf bringe, um zu Schreiben, um Niederzuschreiben, sich Loszuschreiben von diesem Gewuselgetier, das da schlummert in ihr.


Heh du Schlafverlorene!

Heh du vor Müd vergorene!

Schlummer doch einfach mit dem Getier in dir, und zwar jetzt und hier! Dann verschlummert sich dein Wuselkummer einfach mit dir im Träumeschlummer.


Oh ja! 

Ja, ja, ja, ja, ja - das mach ich jetzt. Ja. Ja. Baba und gute Nacht, ich geb gut auf mich acht.

(Oder versuche es zumindenst.)



Auszug aus dem TЯagebuch.

Dezember 2022

©Felodeli